6.1 Zeitgenossen und Konkurrenz im historischen Kontext

Dem Vergleich mit den führenden Orgelbauern Deutschlands hält die Wäldnersche Werkstatt nicht stand. Insbesondere die wichtigsten Orgelbauer des 19. Jahrhunderts wie Eberhard Friedrich Walcker, Wilhelm Sauer und Friedrich Ladegast sind anhand ihrer Produktionszahlen, Mitarbeiter, Größe der Instrumente oder Innovationen den Wäldnern um Längen voraus. Eberhard Friedrich Walcker galt als der führende Orgelbauer Deutschlands, der wesentliche Neuerungen einführte, die von vielen Orgelbauern übernommen wurden. Er stand, ähnlich wie Ladegast, in Verbindung mit dem französischen Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll. Um diese Unterschiede illustrieren zu können, sollen einige fortschrittlichen Neuerungen Walckers benannt werden.

Walckers Dispositionsweise war stilbildend für die Romantik. Sie ist zwar von Abbé Vogler beeinflusst, aber letztendlich anders konzipiert. Entgegen Voglers Auffassung, Pfeifen mit einer Doppelfunktion zu versehen, wodurch der Gesamtklang aufgelockert wurde, bevorzugte Walcker eine größere Anzahl von Grundstimmen.[1] Des Weiteren nutzte er konsequent die additive Klangverschmelzung, der von Sorge und Tartini entdeckten Kombinationstöne.[2] Damit ist beispielsweise die Kombination zweier im Quintabstand registrierter Register gemeint, die die tiefere Oktave des Grundtons der Quinte erzeugt. So ergibt demnach die Kombination eines sechzehnfüßigen Registers mit einem 10 2/3’ Register einen akustischen 32’. Dieses System wurde im Manual ausgereizt und hatte zur Folge, dass die Aliquoten den Grundton verstärken. Sie waren damit fester Bestandteil einer Disposition. Walcker gelang es in der Paulskirchenorgel in Frankfurt ein offenes 32’-Register zu konstruieren, das noch bis in die tiefe Oktave klar und rein ansprach.[3] In diese Orgel baute er auch einen Jalousieschweller ein. Zur Einflussnahme auf die Dynamik des Pedalwerks, versah er das Instrument mit einem zweiten Pedal, dem Pianopedal (später auch von Schulze/Paulinzella und Reubke/Hausneindorf gebaut).[4] Um 32- und 16-füßige Register schneller intonieren zu können, versah er sie mit einer Stellschraube, die die Lage des Kerns regulierte.[5] Die Einführung der Kegellade in den romantischen Orgelbau geht ebenfalls auf Walcker zurück. Zuerst experimentierte er mit Springladen und kam darüber zur Kegellade, welche neben angeblich besseren Klangeigenschaften die Entwicklung weiterer Spielhilfen zuließ. Der verrundete Spieltisch soll nicht auf Cavaillé-Coll zurückgehen, da Walcker schon für sein Opus 37 (1836-1840) in der noch vorhandenen Zeichnung diese Bauweise plante. Für seine „Riesen-Orgeln“ errichtete er einen Konstruktionssaal, der es gestattete, schon vor der Auslieferung Anpassungsarbeiten vorzunehmen, was die Aufstellungszeit am geplanten Ort verkürzte. 1850 konstruierte er eine Zinnhobelmaschine, die eine kontinuierliche Wandstärke der Zinnpfeifen in Abhängigkeit der Tonhöhe ermöglichte.[6]

Walcker steht exemplarisch für den Fortschritt, den auch andere Werkstätten gingen. Nicht so die Wäldner. Ein Vergleich ist hier kaum möglich. Zwischen der Monumentalität Walckers sowie dessen internationalem Anspruch und Wäldners „Provinzwerkstatt“ liegen Welten.

Als unmittelbar größter Konkurrent Friedrich Wilhelms ist Johann Friedrich Schulze zu sehen. Schulze wurde 1793 in Milbitz geboren und starb 1858 in Paulinzella. Er verkörperte den experimentierfreudigen und damit Erfolg habenden modernen Orgelbauer.[7] So wie Friedrich Wilhelm arbeitete er ab 1815 selbständig. Während des Umbaus der Trampeli-Orgel der Stadtkirche in Weimar im Jahr 1824 lernte er den Orgelbautheoretiker Johann Gottlob Töpfer kennen, der später entscheidende Neuerungen in seinem „Lehrbuch der Orgelbaukunst“ veröffentlichte.[8] Schulze lief Friedrich Wilhelm bis zum Orgelneubau für den Dom zwei Mal den Rang ab. So überarbeitete Schulze die Marienorgel der Marktkirche, die 1844 abgenommen werden konnte. Für den Orgelneubau in der Moritzkirche (1844) bekam er ebenfalls vor Friedrich Wilhelm den Zuschlag. In jedem Falle war es der Berliner Musikdirekter August Wilhelm Bach, der Schulzes Instrumente in allerhöchsten Tönen lobte. Bach zeichnete sich damit als Freund des modernen Orgelbaus aus. Dies erklärt die Haltung gegenüber Friedrich Wilhelm im Hinblick auf die Diskussion über die Dom-Orgel.[9]

Später, für August Ferdinand, waren es vor allem Ladegast in Weißenfels und Rühlmann in Zörbig, die durch die Lage ihrer Werkstätten ebenfalls einen Konkurrenzdruck auf die hallesche Werkstatt ausübten. Konstruktiv ist es Reubke später Röver in Hausneindorf, die mit ihren Innovationen in dieser Region Rede von sich machten. Reubke experimentierte mit der Kastenlade, die durch Röver ihre endgültige Form erlangte. Mit der Erfindung der Röhrenpneumatik 1867 durch Gustav Sandel, begann die Verdrängung der mechanischen Traktur.[10] Es ist unverständlich, dass die Wäldnersche Werkstatt sich dem modernen Orgelbau so verschloss. Gerade August Ferdinand hatte die Entwicklung mitbekommen. Bis auf die Einführung der chromatischen Pfeifenreihe, der strahlenförmigen Traktur, der romantischen Disposition sowie den Experimenten an der Optimierung an den Gehäuseseitenteilen findet man hier eine Zurückhaltung ohne gleichen. Leider sind keine theoretischen Schriften überliefert, die einen Grund vermuten ließen, woher diese Stagnation kommt. Im Grunde zeigt sich ein noch extremerer Konservatismus als bei Ladegast, der sich aber öffentlich an der Diskussion zu Innovationen des romantischen Orgelbaus beteiligte und sie auch klug nutzte.

Die Wäldnersche Hartnäckigkeit gleicht einer gewissen Sturheit. Müssen vielleicht die Wäldner als intelligente Eklektiker verstanden werden, die sich prüfender Zurückhaltung hingaben, um Bewehrtes zu übernehmen? Über Ladegast ist bekannt, dass er Befürworter der mechanischen Schleifladenorgel war und auch sonst die Silbermannschen Prinzipien beherzigte. Er verschloss sich jedoch nicht den praktisch-funktionalen Innovationen, wie z.B. der Einführung des Barkerhebels. August Ferdinand fand durch seine Haltung gegenüber dem modernen Orgelbau keinen Absatz seiner Instrumente mehr. So muss angenommen werden, dass sich die Wäldner als Orgelbauer verstanden, die sich einer Nische zuwandten. Höchstwahrscheinlich sahen sie ihren Arbeitsbereich auf dem Land. Das war ein Metier, auf dem sie sich auskannten und Ruhm erlangten. Diese Instrumente erhielten – soweit bekannt – immer ein günstiges Zeugnis.

Wie Zeitgenossen über die kleine Werkstatt dachten, ist nur durch die Beurteilung der Orgeln bekannt. Hier gab es zwei verschiedene Lager: die Modernen (Bach) und die Konservativen (Schneider, zum Teil Ritter). Die Firma Rühlmann übernahm nach der Werkstattschließung August Ferdinands einige Reparaturen an Wäldner-Orgeln, die sich noch im Originalzustand befanden. Dort müssen die Qualitäten wie auch Schwächen bekannt gewesen sein. Allerdings fehlt eine Einschätzung. Ob es einen Austausch zwischen der Avantgarde und den Wäldnern, gab bleibt jedenfalls ungeklärt.

Der Vergleich zum großen Orgelbau ist summa summarum schwierig. Zu unterschiedlich sind die Auffassungen der Werkstätten. Vielmehr können nur Parallelen zu ähnlich kleinen Werkstätten gezogen werden. Doch sind hier noch Forschungsdesiderate zu verzeichnen, die eine weitere Untersuchung an diesem Punkt nicht zulassen.

Es entsteht ein Gefälle in der Auffassung des romantischen Orgelbaus Mitteldeutschlands. Die Werkstatt zeigt, dass die mitteldeutsche Orgellandschaft dieser Zeit nicht homogen ist. Die Wäldner gewinnen an Stellenwert dadurch, dass sie sich entgegen der Entwicklungen bewegten. Somit stellen die Instrumente eine Besonderheit des Orgelbaus dar. Die Qualität dieser ist nicht in der Realisierung der Innovationen des 19. Jahrhunderts zu suchen, sondern in der Beständigkeit, dem 18. Jahrhundert konstruktiv verhaftet zu bleiben. Es gab Strömungen in dem Handwerk, dass durch Unflexibilität bzw. Unfähigkeit der Anpassung oder anders gesagt der fehlenden Anpassungswilligkeit, vielleicht etwas richtungslos oder irritierend wirkt. Weil die Chancen auf dem Markt durch Verdrängung der Orgelfabriken zu gering wurden und die heimischen Orgelbauer ausstarben, wie z.B. im Falle Wäldner, wo keine Nachkommen das Geschäft übernahmen, gingen die lokalen Werkstätte unter.

Im Grunde spielte die kleine Werkstatt nie eine wirklich große Rolle, weswegen die Instrumente niemals Diskussionsgegenstand waren und darüber hinaus vergessen wurden. Ihre Wiederentdeckung sollte damit auch in einem anderen Kontext verstanden werden. Es ist keine Halbherzigkeit, die die Orgeln entstehen ließen. Es ist der Respekt vor dem, was das 17. und 18 Jahrhundert hervorbrachte. Darin hielten sich die Wäldner. Ob es Kunst war, was sie schufen, mag dahingestellt sein. Man stelle einen Vergleich an: Von den 277 Orgeln Friedrich Eberhard Walckers blieben 22 erhalten; von den 24 (+2 nicht verifizierten) bekannten Instrumenten Friedrich Wilhelm Wäldners dagegen 20. Der Verfasser der vorliegenden Arbeit möchte keine Populärwissenschaft betreiben, doch zeigt die Behandlung der Instrumente, dass es sich im Grunde bei Wäldner-Orgeln nicht um reine Modeinstrumente handelte. Dieser Grund spricht vielleicht auch für den Erhaltungsgrad.

Bei der Durchsicht sämtlicher Fotos der Orgeldatenbank Sachsen-Anhalt (ca. 7000 Stück) machte der Verfasser der vorliegenden Arbeit eine verblüffende Entdeckung. So errichtete Wilhelm Rühlmann 1883 sein Opus 51 in der St. Pancratius Kirche in Dornstedt, welches wohl als Kopie der Peißener sowie Hohenthurmer Orgel August Ferdinands verstanden werden muss (Prospekt). Selbst die Disposition hätte von August Ferdinand stammen können. Sollte dies eine Hommage Rühlmanns an den zu dieser Zeit 66jährigen Wäldner gewesen sein? Oder muss die Orgel als heimliche Kopie ästhetisch Geschätztem verstanden werden? Von bloßem Zufall kann wohl kaum gesprochen werden. So bleibt es letztendlich offen, in welchem Verhältnis diese Rühlmann-Orgel zu der Wäldnerschen Werkstatt steht.

 

[1] Vgl. Moosmann, Ferdinand und Rudi Schäfer: Eberhard Friedrich Walcker (1794-1872). Kleinblittersdorf 1994, S. 26.

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. Moosmann, Schäfer, Kleinblittersdorf 1994, S. 26-28.

[6] Vgl. ebd.

[7] Seine Orgeln zeichnen sich durch stumme Prospekte aus, die den Zugang zum Werk vereinfachen, da sie sich nicht nach dem Prospekt richten müssen. Er baute als erster schräg liegende Windladen, die strahlenförmige Traktur, ein geschweiftes Pedal, Zungenregister ausschließlich mit Zinkbechern und Winddruckgeminderte Werke. Vgl. Serauky, Halle 1942, Bd. 2,2, S. 508.

[8] Vgl. MGG, Personenteil Bd. 12, 1. Auflage, Sp. 257.

[9] Siehe S. 23. und Serauky, Halle 1942, Bd. 2,2,  S. 507ff.

[10] Die pneumatische Traktur sowie die Kegellade setzten sich in Mitteldeutschland erst in den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts durch.

 

© 2019 | Michael Wünsche
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