5.1 Traktur

Nur Orgeln mit mechanischer Spiel- und Registriertraktur verließen die Wäldnersche Werkstatt. August Ferdinand übernahm von seinem Vater das klassische Wellenbrett (Abb. 24, S. 12), an dem er in den 60er Jahren herumlaborierte.[1] Dabei führte er in seinen Instrumenten schrittweise die strahlenförmige Traktur ein. Der Ursprung dieser Konstruktion liegt bei Johann Friedrich Schulze. Selbst Friedrich Wilhelm muss davon gewusst haben, denn Schulze nahm im „Hallischen patriotischen Wochenblatt“ 1844 öffentlich Stellung zu seinem Neubau in der Moritzkirche, wobei er auf spezifische orgelbautechnische Aspekte seines Instruments einging:

„3) Die Orgel hat eine ganz einfache Tractur, indem sowohl das Hauptwerk, als auch das Brustwerk, von den Claviaturen aus, bloß 2 mal kurze Querwellen hat, wo an einer Seite der Wellen die Stifte zugleich Ärmchen bilden, welche in einem Messingblatte gehen. Zum Oberwerke sind bloß schrägstehende nach den Ventilen hinzeigende Messingwinkel.“[2]

Schulze beschreibt im Prinzip zwei verschiedene Trakturtypen. Zunächst wendet er im Hauptwerk noch Wellen an, die im Oberwerk gänzlich wegfallen. Hier war die Nähe gegeben, sich mit neuartigen Konstruktionen des Konkurrenten auseinander zu setzen. Vor allem weil sich Friedrich Wilhelm selbst um diesen Neubau bewarb. Die Veröffentlichung in einem lokalen Tageblatt konnte ihm vermutlich kaum entgehen. August Ferdinand sah sich in diesem Punkt gezwungen, sich der Familientradition und der damit zusammenhängenden Auffassung Friedrich Wilhelms über den Orgelbau zu beugen. Doch änderte sich das einige Jahre nach dem Tod des Vaters.

1856 verwendete August Ferdinand diesen Trakturtyp (Schulze HW) erstmals in der Unterteutschenthaler Orgel im Hauptwerk (Abb. 25, S. 13). Der Weg zum Oberwerk und Pedal verläuft weiterhin über das klassische Wellenbrett. Die Trakturführung des Hauptwerks wird über eine kurze Welle mit zwei Ärmchen anstelle des Wellenbretts bewerkstelligt (Wellenrahmen). Dadurch werden komplizierte Wege über Wellen eines Wellenbrettes gespart und Reibungen und unnötig lange Strecken vermindert. Der Vorzug, nach der damaligen Auffassung des Orgelbaus, lag in der einfachen Konstruk-tionsweise, in der Kürze der Wege und in der Ersparnis von Material. Das Prinzip, nur für das Hauptwerk diesen Typus einzusetzen, behält August Ferdinand vorerst bei. Das Oberwerk und das Pedal erhalten weiter ein Wellenbrett. In Sandersleben (1873) bekommt erstmals das Oberwerk eine strahlenförmige Traktur nach dem Prinzip des oben beschriebenen Oberwerks Schulzes (Abb. 26, S. 13). Dabei fallen die Wellen mit den zwei Ärmchen, die sich sonst in einem liegenden Rahmen befinden, vollkommen weg.[3] Die Abstrakten fächern sich unter der Windlade in Richtung der Ventile strahlenförmig auf (Abb. 27, S. 14). In Brachwitz (1874) wurde das wellenbrettlose System zum ersten Mal auf das Pedal ausgeweitet. Im selben Jahr lieferte August Ferdinand ein Instrument nach Ihlow, das zwar im Pedal einen Wellenrahmen besitzt, aber dafür nicht mehr im Manual (frontaler Spielschrank). Die Winkel bestehen lediglich aus ganz dünnen Metallblättchen (Abb. 28, S. 14), die mit Abstrakten weniger Zentimeter verbunden sind. Der Trakturweg ist auf eine minimale Länge beschränkt. Hier zeigt sich, dass August Ferdinand, wahrscheinlich je nach Bedürfnissen (Platz, Spielschranklage, etc.) und vielleicht auch in Abhängigkeit des vorhandenen Geldes der Gemeinden, zwischen Konstruktionen der verschiedenen Trakturtypen variierte.[4]

 

[1] Die Beurteilung der Trakturkonstruktionen beruht auf den Feststellungen des Autors an den von ihm besuchten Instrumenten. Da nicht alle Orgeln besucht werden konnten, sind die Jahreszahlen und ausgewählten Instrumente aus diesen Jahren exemplarisch. Es kann immer der Fall sein, dass sich bei neu gefundenen Orgeln die Zeit der Einführung bestimmter technischer Neuerungen verschiebt.

[2] Serauky, Halle 1942, Bd. 2,2, S. 508 (=Hallisches patriotisches Wochenblatt 1844, S. 132)

[3] Durch den katastrophalen Zustand des Instruments war eine Begehung des Oberwerks nicht möglich. Soweit die Trakturführung sichtbar war, also bis zur Unterseite der Lade, kann davon ausgegangen werden, dass ein Wellenrahmen fehlt. Hierzu sollten weitere Untersuchungen gemacht werden.

[4] Die Fienstedter Orgel (1858) besitzt noch für Haupt- und Oberwerk Wellenbretter. Vielleicht stimmen aber auch die Erbauungsdaten von Unterteutschenthal oder Fienstedt nicht. Das Aufkommen der wellenbrettlosen Traktur bei August Ferdinand könnte zumindest im Zusammenhang mit der Veröffentlichung Töpfers im Jahr 1855 zusammenhängen. Somit beginnt die Einführung nach 1855.

 

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