5.8 Beurteilung der technischen und ästhetischen Aspekte

Das Festhalten an bewährter Technik ist bei Friedrich Wilhelm im Grunde zeitgemäß. Er gehörte nicht zur Riege der modernen und innovativen Orgelbauer, die spielerisch experimentierten. Friedrich Wilhelm vertraute konstruktiv dem, was er kannte. Außerdem lebte er in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die noch nicht so stark durch Umbrüche im Orgelbau gekennzeichnet war. Dies traf vielmehr auf seinen Sohn zu. Die Dispositionen zeigen eine Neigung zum Klangideal der Romantik. Sie arten dabei nie ins Extreme aus. So werden keine 32’er im Manual disponiert. Dafür finden aber auch keine Register der 1’-Lage Verwendung (nach 1822/Winkel).

Die technische Konstruktion ist bei beiden Handwerkern vorbildlich. Alle Teile wurden in einer ausgeprägten Akribie ausgeführt. So sind die Trakturen (Ton/Register) solide ausgeführt, die Schleifladen funktionieren sogar heute noch gut. Die Gehäuse Friedrich Wilhelms deuten darauf hin, dass er kein großes Gefühl für architektonische Formen hatte. Zwar sind die klassizistischen Prospekte künstlerisch ausgeführt, aber es fehlt an neuen Impulsen über die Zeit hinweg. Es sind immer nur minimale Abweichungen in den Formen zu finden (Schnitzereien/Schleierbretter/Krautwerk). Die Grundanlage bleibt die gleiche: dreigliedriger Prospekt mit überhöhtem Mittelfeld. Sicherlich gibt es immer Ausnahmen, der Tenor bleibt bei dieser Form.

Wie muss August Ferdinand aus künstlerischer Sicht aufgeatmet haben, als er Inhaber des Geschäfts wurde. Schnell löste er sich von den tradierten Formen des Vaters und fand zu einem eigenständigen Stil bzw. zu unterschiedlichen Stilen. Zwar kommt es zu Wiederholungen, doch nicht so stark wie bei Friedrich Wilhelm. Beispiele für sich ähnelnde Instrumente sind in Peißen/Hohenthurm, Sandersleben/Alsleben, Ihlow/Brachwitz, Trebitz/Zscherben und Halle (St. Laurentius)/Gatterstädt zu finden. Die Dispositionsweise behielt August Ferdinand zunächst bei und änderte sie später nur geringfügig. Die eminentesten Neuerungen erfuhren die Spieltraktur, der Aufbau der Windladen (chromatisch) und die Gehäuseseitenteile. Die späten Dorforgeln zeichnen sich durch eine absolute Kompaktheit aus, in denen sogar der Winderzeuger eingebaut ist (Handschwengel mit Schöpfbalgen). Die gesamte Anlage der Orgeln mündet bei Vater und Sohn in einer beispiellos guten handwerklichen Ausführung, wobei alles auf den praktischen und zuverlässigen Gebrauch ausgelegt ist, der dem Land gerecht wird. Konstruktiv zeitlos, überdauerten die Instrumente verborgen bis zu über einem Jahrhundert und leisteten „still“ ihren Dienst. Kein Markenzeichen oder Ähnliches deutet auf den Erbauer. Die Qualitäten sind daher in der Schlichtheit aller Dinge zu sehen.

Der Verfasser schätzt die Instrumente persönlich sehr. Wenn sie gut restauriert und die Spieltraktur gefühlvoll einreguliert wurde, lassen sich auch die größeren Orgeln angenehm spielen. Durch den Grundstamm an Prinzipalen und dem sich daraus ergebenden Plenum, ist es möglich, vorromantische Literatur zu spielen, allerdings besser auf den größeren Instrumenten, wo sich auch Aliquoten einsetzen lassen. Wiederum hoch- bzw. spätromantischen Stücken fehlt es eventuell an Grundstimmen. Doch ist das Sache des Organisten. Symphonische Stücke sind wohl eher auf symphonischen Orgeln zu spielen, was bei den Wäldner-Instrumenten nicht der Fall ist. Und dies führt auch zur Quintessenz: die Wäldner bauten romantische Orgeln, keine symphonischen Instrumente.

 

© 2019 | Michael Wünsche
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