5.4 Dispositionsstil

Eine romantische Disposition zeichnet sich durch zwei Aspekte aus: Einerseits die Häufung von Grundstimmen und anderseits durch zeitspezifische Klangfarben bzw. Stimmen wie z.B. das vermehrte Auftreten von Streichern (oder generell Orchesterstimmen).

Der Dispositionsstil beider Orgelbauer soll anhand der Instrumente aus Kapitel 5 verdeutlicht werden. Die Winkelsche Orgel deutet nicht nur rein äußerlich auf das 17. und 18. Jahrhundert hin. Das Instrument auf Prinzipal 4’ Basis veranschaulicht die Reminiszenz an barocke Orgelbauten. Dazu wird die Klangpyramide bis 1’ geführt, enthält ein Aliquotregister und neben der Mixtur ein Cornett. 16’ige Register kommen im Manual nicht vor. Die Wahl der Klangfarben im Hauptwerk geht ebenfalls auf frühere Jahrhunderte zurück. Lediglich das streichende Violon 8’ im Pedal deutet auf das 19. Jahrhundert. Des Weiteren ist die Erfindung der Pedalkoppel typisch für die Romantik. Auffällig ist die Registerpaarung Gedackt 8’/4’, worauf später noch näher eingegangen wird.[1] Im Zusammenhang mit dem fehlenden Cis im Pedal steht das Instrument im Verhältnis zu den kurz darauf folgenden Neubauten, wie auch die Auslebener Orgel, außen vor. Sie repräsentieren nicht den Stil, der aus späteren Instrumenten Friedrich Wilhelms hervorgeht. Einen plötzlichen Stilwandel schließt der Verfasser aus. Wie bereits angedeutet, wird es sich um generalüberholte Orgeln handeln, denen er vereinzelt Stimmen zufügte. Deutlich wird diese Vermutung anhand der Disposition der Schlaitzer Orgel von 1833. Die Klangpyramide enthält keine Aliquotregister und nur noch eine gemischte Stimme (Mixtur); die grundtönigen Stimmen nehmen zu (mit Pedal die Hälfte aller Register). Zu dem ausgeprägten Prinzipalchor gesellen sich romantische Register wie Viola di Gamba und Flauto amabile, die ebenfalls in einem Paarungsverhältnis stehen (8’/4’). Die Traversflöte stammt aus dem 18. Jahrhundert. Das Pedal besitzt, wie in Winkel, außer dem Subbass 16’ ein Violon Cello 8’.

Das Unterfarnstädter Instrument ist im Hinblick auf die Disposition eines der interessantesten. Friedrich Wilhelm steht am Scheitelpunkt seiner Entwicklung, bevor er seine Orgeln stark romantisch einfärbt. Das Werkprinzip wird annähernd für beide Manuale beibehalten. So dient, abgesehen vom Bordun 16’, das Hauptwerk für ein Plenumspiel. Der Prinzipalchor ist vollständig vertreten. Hinzu kommen die Trompete 8’ und färbende Flöten- und Streicherstimmen. Das Oberwerk mit seinen drei 8’, zwei 4’ und einem 2’ Register zeigt eine klassische Klangpyramide mit fehlenden Aliquoten und gemischten Stimmen auf Prinzipal 4’ Basis. So kann das Oberwerk gerade noch – mit Abstrichen – als eigenständiges Werk verstanden werden, ohne romantische Tendenzen verleugnen zu können. Sicherlich ist das Oberwerk als dynamische Abstufung des Hauptwerks zu deuten, wodurch vielleicht nicht mehr von einem eigenständigen Werk die Rede sein kann (im Sinne des Werkprinzips), doch besitzt es auch kein grundstimmiges Übergewicht. Das Pedal ist mit der starken Besetzung von 16’ Registern romantisch. Nach diesem Instrument folgen Neubauten, die immer grundtöniger werden, und, die bei geringerer Größe, die Eigenständigkeit des zweiten Manuals verlieren, z.B. das Burgkemnitzer Werk. Hier dient das Oberwerk nur noch als Klangdifferenz zum Hauptwerk. Der Prinzipalchor wird mit Gedackten ergänzt, alle färbenden Register kommen ins zweite Manual. Damit verliert es seine Werkeigenständigkeit. Rechnet man die Manuale zusammen, würde man, abgesehen von der Grundtönigkeit, eine annähernd vollständige Disposition eines einmanualigen Werks erhalten. Diesem Dispositionsstil folgt August Ferdinand verstärkt. Auch bei Ladegast lässt sich dieses Prinzip finden.

Die Disposition der Dom-Orgel ist als Ergebnis der vorstehend betrachteten Werke zu sehen. Einen „Pseudoplenumklang“ deuten die Geigenprinzipale des Oberwerks an. Insgesamt sind diese Stimmen enger mensuriert, wodurch sie eher streichenden Charakter aufweisen (romantisches Plenum). Eine wirkliche Eigenständigkeit im Sinne einer Klangpyramide mit der Hochführung auf 2’ bzw. 1’ Register besitzt es nicht. Das Hauptwerk entgegen kann mit allen gemischten Stimmen und Klangfarben in allen Lagen als altbewährtes Werk mit romantischer Einfärbung gesehen werden. Dem romantischen Pedal wurden noch Register der 8’ und 4’ Tonlage beigegeben. In allen Werken sind die Prinzipale als Chor vertreten. Insgesamt handelt es sich bei der Dom-Orgel um ein echt-romanisches Werk, was trotzdem noch – zwar versteckt und nur im Hauptwerk ersichtlich – Prinzipien vergangener Jahrhunderte folgt. Friedrich Wilhelm macht deutlich, wie sehr er dem vergangenen Jahrhundert verhaftet war. Im Zusammenspiel mit seiner Konstruktionweise zeigen seine Orgeln ein Spannungsverhältnis auf. Er löst sich nur schwer aus seiner „Silbermanntradition“, folgt aber dem Trend der Romantik. August Ferdinand hingegen scheint auch einige Prinzipien von seinem Vater mitbekommen zu haben. Das grundlegende Zögern zeigt sich auch in seinen Instrumenten. Zwar nimmt er die romantische Disposition an, geht aber nur zögerlich neue Wege in der Konstruktion seiner Orgeln.

Bei dem Naundorfer Werk (auf Prinzipal 4’ Basis) folgt er dem Burgkemnitzer Prinzip. Weil das Instrument aber weniger Stimmen hat, ist eine große Häufung von Grundstimmen nicht gegeben. In der Niemberger Orgel disponiert er die Viola di Gamba im Hauptwerk und nicht im Oberwerk. Zudem wirkt, bis auf die Tonlagen der Register, das Oberwerk nicht so romantisierend, da sich die Klangfarben die Waage halten. So stehen den achfüßigen Registern Gedackt und Flauto traverso als klassische Stimmen die romantischen Vierfüßer Geigendprinzipal und Flauto amabile gegenüber. Im Sanderslebener Werk zeichnet sich eine immer stärker werdende Grundtönigkeit ab. Von den ursprünglich 19 Registern der Manuale sind neun auf 8’ Tonhöhe. Die Viola steht wieder im Hauptwerk. Außerdem ist sie im Hinblick auf das Plenum intoniert. Das Oberwerk erhält ebenfalls wie das Hauptwerk eine Mixtur und den Prinzipalchor, womit es eine gewisse Eigenständigkeit besitzt. Bei solch „großen“ Instrumenten scheinen August Ferdinand wie sein Vater eine Autonomie des Oberwerks herstellen zu wollen, was aber trotzdem im klangdifferenzierten Gegensatz zum ersten Manual steht. Interessant wäre an dieser Stelle der akustische Eindruck (Unterfarnstädt, Sandersleben), denn dadurch ließe sich ohne Messung der Mensuren feststellen, ob ältere Klangfarben eventuell enger mensuriert waren (z.B. Gedackt). Registerbezeichnungen wie Geigenprinzipal deuten aber schon darauf hin.

Die Brachwitzer Orgel steht exemplarisch für ganz kleine Dorforgeln der mittleren bis früh-späten Schaffensperiode August Ferdinands. Einzig das Fehlen von gemischten Stimmen und Aliquoten deutet hier noch auf die Romantik. Sämtliche Klangfarben stammen aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert. Dieses Instrument ist wohl wirklich nur für praktische Ansprüche einer Dorfgemeinde konzipiert. Die Lieskauer Kirche beherbergt ein Spätwerk, das sich wieder anders zeigt. Auf 8’ Basis aufbauend, disponiert er noch ein Prinzipal 4’ und die Octave 2’. Dazwischen befinden sich noch romantische Register wie die Viola di Gamba, Flauto amabile und im Pedal das Cello-Register. Sie ist nicht nur rein praktischer Natur, sondern spiegelt in zurückhaltender Art die Romantik wider.

Die angesprochenen Registerpaarungen bzw. die „Chorische Disponierung gleichartiger Orgelregister auf gleichem Manualwerk[2], die Kocourek in seinem Aufsatz zur Sprache bringt und oft in den Wäldner-Instrumenten Anwendung erfahren, gehen auf Schulze zurück. Diese Dispositionsweise ist typisch für Thüringen und den mitteldeutschen Raum. So findet sie sich in sehr vielen Instrumenten. Besonders deutlich wird dieser Aspekt in der Domorgel. Hier werden die Principale (HW) und Geigenprincipale (OW) geradezu gestapelt (eigentlich sonst Octaven). Aber auch die Rohrflöten des Hauptwerks 8’ und 4’, Salicional des Oberwerks 8’ und 4’ und andere Registerpaarungen fallen auf. In anderen Instrumenten finden sich Paarungen in verschiedenen Lagen des Gedackt und der Traversflöte mit Flauto amabile. Diese Art des Disponierens hat mit Silbermanns weniger zu tun. Damit zeigt sich, dass Friedrich Wilhelm wohl weniger in der Disposition, dafür vielleicht mehr in der Konstruktion Silbermann nahe stand.

 

[1] Siehe S. 59.

[2] Kocourek, Jiři: Chorische Disponierung gleichartiger Orgelregister auf gleichem Manualwerk. [o.O;o.J].

 

© 2019 | Michael Wünsche
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