5.5 Klang der Wäldner-Orgel

Gibt es eine Möglichkeit wissenschaftlich in Worte zu fassen, wie Töne, im speziellen Fall ganze Register einer Orgel, klingen? Ja, diese Möglichkeit besteht! Und objektiv betrachtet wäre eine mathematische Umformung des Klangs in Zahlen die Konsequenz des Vorhabens. Dies würde wiederum eine Analyse der Frequenzen und daraus resultierender Teiltöne erfordern. Der Verfasser konnte allerdings mangels technischer Ausrüstung keine Audioaufnahmen der Instrumente durchführen, womit eine Auswertung ausbleibt. Hier können nur subjektive Wahrnehmungen wiedergegeben werden, die nicht berücksichtigen, dass die Orgeln teils umintoniert wurden und auf der Meinung einer einzelnen Person basieren.

Doch bevor auf die Register eingegangen wird, seien einige Bemerkungen neben dem eigentlichen Klangcharakter vorweggeschickt: Wäldner-Orgeln klappern! Ein Phänomen, was für mechanische Schleifladenorgeln nichts Ungewöhnliches darstellt. Doch muss man diesem Geräusch näher auf den Grund gehen. Bedingt durch das Alter der Orgeln und allen in dem Zusammenhang stehenden Teilen, ist eine gewisse Geräuschentwicklung selbstverständlich. Restaurierte Wäldner-Orgeln, deren Traktur überarbeitet wurden, scheinen trotzdem einen höheren Geräuschpegel als andere historische Instrumente zu entwickeln. Dies liegt daher offensichtlich nicht nur an der Traktur, sondern muss noch einen anderen Grund besitzen.

Wahrscheinlich verursachen die Ventile beim Zuschlagen ein derartig lautes Geräusch, was, bedingt durch die Konstruktion der Windladen, die wie ein Resonanzkörper wirken können, verstärkt wird. Ein Markenzeichen? Vielleicht schon, aber im klanglichen Konzept eines Instruments störend. Besonders beim Spiel leiser, einzelner Register kann das Klappergeräusch den Hörgenuss verderben. Hinzu kommt das Problem, dass die kleinen Dorforgeln in akustischen Räumen stehen, die durch die geringe Größe jedes Detail in das Kirchenschiff übertragen. Holzemporen, wie sie fast immer vorkommen, steigern den Effekt (Pedalklappern), so wie auch das als Resonanzkörper wirkende Gehäuse der Orgel. Davon abgesehen klappert, aber eine Wäldner-Orgel nicht nur, sondern macht auch Musik. Auffällig an den Instrumenten ist das solide Bassfundament des Pedals. Bis auf vereinzelte Instrumente konnte dies immer wieder festgestellt werden.[1] Die Subbässe sind, ihrem Klangideal entsprechend, sehr voluminös intoniert, aber nicht aufdringlich und fügen sich in den Gesamtklang. Violon-Register klingen dagegen kräftiger, teils prinzipalartig, was auch für das Cello spricht. Leider waren original erhaltene Zungen (Posaune) des Pedals nicht spielbar. Das Manual beherbergt eine Reihe verschiedenster Register, die nicht alle Erwähnung finden können. Einige sollen jedoch exemplarisch genauer betrachtet werden.[2] Besonders kleine Dorforgeln auf Prinzipal 4’ Basis kompensieren das fehlende Prinzipal 8’ durch die Synthese der Grundstimmen. Allen voran fällt hier die Gambe am vordringlichsten auf. Sie ist vom Klangeindruck in der Achtfußlage zwar am lautesten, bringt aber nur einen Ausschnitt des Klangspektrums vom Prinzipal. Gedackt 8’ liefert dafür das nötige Volumen in der Tiefe und eine Flauto travers 8’ die restliche Klangfülle. Die Oktavregister sind ihrem Klangcharakter entsprechend dem Prinzipalchor zugehörig, trotzdem eher ruhig und weniger hervortretend, teils in das flötenhafte gehend. Hohlflöten haben entgegen den Gedackten weniger Obertonanteil und sind auch nicht so voluminös (dunkler Klang). Bei Friedrich Wilhelm treten die Gamben, wie die Mixturen, etwas aus dem Gesamtklang hervor. Doch können neobarocke Nachintonationen der Grund dafür sein. Durch die Konfiskation der wichtigen Prinzipalpfeifen ist es schwierig, das Klangkonzept genau zu rekonstruieren. Nimmt die Disposition zu und damit die Vielfalt der Stimmen, stößt man auf ein Bordun 16’, was sehr holzig und dezent im Hintergrund arbeitet. Wird das zweite Manual romantisch ausgelegt, entdeckt man hier ganz leise intonierte Register wie Salicional oder Flauto amabile.

Alles in allem bieten auch kleine Instrumente eine breite Klangdifferenzierung, denen es aber nie an Kraft und Ausdrucksstärke fehlt. Größere Instrumente klingen ebenfalls sehr homogen und fundamental. Dass hier die Wäldner kein Geschick gehabt hätten, kann man ihnen nicht nachsagen.[3]

 

[1] Die Brachwitzer Orgel z.B. hat einen so hohen Aufschnitt im Subbass, dass hier die Töne schlecht einschwingen und der Klang sehr dünn ist. Wahrscheinlich wurden die Pfeifen nachteilig intoniert.

[2] Am Beispiel der Orgel in Lettin (1860).

[3] Siehe S. 23. bzw.: Acta der königlichen Schloss- und Domkirche zu Halle, betreffend der Orgel der Domkirche, deren Reparatur und demnaechstiger Neubau. Akte 515 Bd. 3, Brief vom 8.12.1843.

 

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