Schlaitz (1833)

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Die aus dem Jahre 1799 stammende kleine einschiffige Dorfkirche[1] im Landkreis Bitterfeld besitzt die früheste mit klassizistischem Prospekt versehene und in der Disposition fast, bis auf ergänzte Pfeifen, original erhaltene Orgel Friedrich Wilhelms aus dem Jahr 1833 (Abb. 9, S. 5).[2] Zwar gab es vorher schon klassizistische Prospektformen bei ihm, allerdings sind diese Instrumente umgebaut (z.B. Wölpern 1829; Abb. 10, S. 5), umdisponiert oder sie existieren nicht mehr (z.B. Pressel 1826-27). Der Wert der Orgel ist der Gemeinde bislang nicht bekannt, obwohl im Nachbarort Burgkemnitz (1851) ein sehr gefragtes zweimanualiges Werk Wäldners steht, was sich im ständigen, sogar konzertanten Gebrauch befindet.[3] Über die Geschichte der Schlaitzer Orgel ist so gut wie nichts bekannt. Es wird angenommen, dass sich Unterlagen im Kirchenarchiv Burgkemnitz befinden. Der Orgelfragebogen berichtet von einer Vorgänger-Orgel:

„Am 4.4.1802 Windorgel angeschafft, bald unbrauchbar, weil sie keiner Reparatur fähig war. Sie war gekauft von einem Färber aus Jessnitz für 28 rh. Der Orgelbaumeister Wensky von Bitterfeld hat sie aufgesetzt und gestimmt. […] Sie ist aber zu schwach für die Kirche.“[4]

Lediglich die Orgeldatenbank Sachsen-Anhalt gibt über jüngst vorgenommene Eingriffe in der Wäldner-Orgel Auskunft. So wurde 1990/91 durch Berndt Barthels aus Roitzsch eine Reinigung, Imprägnierung, Nachintonation und Stimmung vorgenommen. Die Orgel bekam ein Gebläse und die Register Gedackt, Gambe, Flauto travers und Flöte wurden mit Pfeifen aus der Orgel der Kirche in Klepzig ergänzt.[5]

Der Orgelprospekt zeigt eine Entwicklungsstufe zu den bekannten klassizistischen Gehäusen Friedrich Wilhelms auf. Die Grundanlage ist ausgebildet: dreiachsiger Prospekt mit seitlich an den Pfeifenfelder sitzenden Pilastern und einem Giebel über der hier noch nicht überhöhten Mittelachse, welche aber risalitartig vorspringt. Auf dem Gehäuse stehen jeweils über den äußeren Pfeifenfelder Vasen. Die Felder sind mit Akanthusschnitzereien versehen, die ebenfalls wie die Pilaster und der Giebel an Antike Vorbilder anknüpfen. Lediglich das Mittelfeld wurde mit Vorhängen verziert. Das ganze Instrument ist großflächig in weiß mit punktuell grünen Ansätzen gehalten. Ob die Farben original sind, konnte nicht geklärt werden. Doch spricht die Farbgebung im Zusammenhang mit der damaligen Auffassung, dass die Antike farblos war, für eine gewisse Originalität.

Die Disposition enthält, entgegen den oben besprochenen Instrumenten, keine Hoch-führung auf ein einfüßiges Register. Zudem fällt das Cornett weg und die Gesamtzahl der Grundstimmen nimmt zu: sie machen im Manual die Hälfte aller Stimmen aus.

Disposition (1937/[6] 2005)

 

Manual C-d³

 

 

Pedal C-c¹

 

 

 

 

 

 

 

 

Principal

8’

 

Subbaß

16’

 

Flauto traverß

8’

 

Violon Cello

8’

 

Viola di Gamba

8’

 

 

 

 

Gedackt

8’

 

 

 

 

Principal

4’

 

 

 

 

Flauto amabile

4’

 

Pedalcoppel

Octave

2’

 

Kalcantenklingel

Mixtur

3f.

 

 

 

 

               

 

Die Orgel stand nach Angaben des Orgelfragebogens 1937 einen „[…] Ton zu hoch […]“[7] und war „[…] sonst klanglich so schön, wie es bei kleinen Dorfkirchen selten ist.“[8] Der Winddruck lag zu dieser Zeit bei 60 mm WS.[9] Die Akustik des Raumes ist der Größe entsprechend sehr trocken.

Diesem Instrument gebührt besondere Aufmerksamkeit. Da sie spielbar ist und nicht grundlegend umdisponiert wurde, sollten unbedingt weitere Instandsetzungsarbeiten vorgenommen werden. Momentan ist sie stark vernachlässigt. Allerdings hat die Orgel im Hinblick auf die Kirchennutzung keine Bestimmung. Hier müsste über ein Nutzungskonzept nachgedacht werden, um die Restauration zu rechtfertigen.

[1] Vgl. Dehio, Georg: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler – Sachsen-Anhalt, bearbeitet von der Abteilung Forschung des Instituts für Denkmalpflege, 2 Bände. Berlin und München 1974-1976, (Bd. I: 1974, Bd. II: 1976), Bd. II, S. 424.

[2] Vgl. Orgelfragebogen Schlaitz, 1.5.1937.

[3] Selbst Konzertorganisten wie z.B. Matthias Eisenberg sind dort ständige Gäste.

[4] Orgelfragebogen Schlaitz, 1.5.1937.

[5] Vgl. Orgeln in Sachsen-Anhalt, Datenbank, Eintrag Schlaitz, Dorfkirche.

[6] Orgelfragebogen Schlaitz, 1.5.1937.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Dem Verfasser erscheint dieser Wert zu niedrig, da die Fragebögen bei anderen Instrumenten der Wäldner oftmals um 68 mm WS angeben.

 

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