Beyersdorf (nach 1841)

Bericht über die Untersuchung der Orgel in der romanischen Dorfkirche Beyersdorfs

Am 4.12.2008 besichtigte der Verfasser auf Bitte Herrn Peter Borufkas, Vorsitzender des „Förder- und Interessenverein[s] Beyersdorfer Kirche und Umgebung e.V.“, die romanische Dorfkirche in Beyersdorf um die dortige Orgel zu untersuchen. Ziel war es, den Erbauer sowie das Erbauungsjahr durch einen Vergleich zu anderen Orgeln anhand konstruktiver Merkmale festzustellen, da weder Quellen existieren noch die Sekundärliteratur Auskunft über einen Erbauer geben kann.

 

Zustandsbeschreibung

Aufgrund der Nutzungsaufgabe des Gebäudes der evangelischen Kirche im Jahr 1977[1], befindet sich das Inventar in einem schlechten Zustand, so auch die nicht mehr spielbare Orgel. Das im neoklassizistischen Stil gehaltene einmanualige Instrument mit Pedal ist mit einer grünen Farbe überzogen. Offensichtlich handelt es sich nicht mehr um die originale Farbgebung, da an einigen Stellen unter abgeplatzter Farbe ein hellerer Farbton zum Vorschein kommt. Der dreigliedrige Prospekt mit überhöhter und leicht hervortretender sowie im Gegensatz zu den Seitenfeldern breiteren Mittelachse wird flankiert von Pilastern und schließt nach oben mit einem Dreiecksgiebel ab. Links und rechts befinden sich schmalere Pfeifenfelder die nach oben durch einen Kranz begrenzt werden. Oberhalb der Pfeifenfelder hängen zu den Seiten abfallende Schleierbretter mit Akantusschnitzereien. Unterhalb des Prospektes, der horizontal durch einen Sockel gegliedert ist, schließt sich auf Breite des mittleren Pfeifenfeldes der Spielschrank an, der mit zwei Flügeltüren verschlossen werden kann. Sind die Türen geöffnet, reichen sie annähernd bis zu den Seiten des Gehäuses, woraus sich ergibt, dass die Summe der Breite der Seitenpfeifenfelder der Breite der Mittelachse entspricht. Das „symmetrische Prinzip“ zieht sich ebenfalls durch den Spielschrank. Zu beiden Seiten des Notenpultes, welches als Regaleinsatz konzipiert ist, schließen sich jeweils vier Manubrien an. Diese sind mit handschriftlich beschriebenen Porzellanschildern versehen, die die Disposition der Orgel angeben, wobei jeweils die unteren Porzellanschilder nicht mehr vorhanden sind. Den Schildern sind folgende Informationen zu entnehmen:

   

linke Seite:      rechte Seite
     
Flauto traverso 8’      Principal 4’ (Prospekt)
     
Flauto amabile 4’   Gedackt 8’
     
Viola di Gamba 8’     Octave 2’
     
Schild fehlt   Schild fehlt
     

 

Dazwischen befindet sich das Manual mit inverser Farbgebung der Tastatur – schwarze Unter- und weiße Obertasten – und einem Tonumfang von C-f³. Das Pedal besitzt einen Tonumfang von C-c¹.

Das Innere der Orgel ist über beide Seiten zu erreichen. Hinter dem Prospekt befindet sich die Schleiflade des Manuals, im hinteren Bereich die Schleiflade des Pedals, welches mit einem 16’ Subbass besetzt ist. Das ganze Werk wird mechanisch regiert. Dabei kommt im Manual ein Wellenbrett zur Anwendung, welches hinter dem Notenpult sitzt. Die Schleifladen sind in althergebrachter Art nach c- und cis-Seite aufgeteilt sowie sehr solide und sauber gearbeitet. Die gesamte innere Anlage ist von ordentlicher Qualität, so wie sie auch von außen erkennbar ist. Zur Windanlage können keine Angaben gemacht werden, da der Raum nicht betretbar war.

Für weitere Untersuchungen bezüglich der Beschaffenheit der Orgel muss unbedingt ein Orgelbauer hinzugezogen werden. Es wird auch empfohlen die Denkmalpflege in die Untersuchungen einzubeziehen.

 

Der Verfasser geht davon aus, dass es sich um ein Werk des halleschen Orgelbaumeisters Friedrich Wilhelm Wäldner (1785-1852) handelt. Diese Vermutung leitet sich aus charakteristischen Merkmalen ab, die für diese Firma Markenzeichen sind und aus der Tatsache, dass die Orgel in einer kleinen Dorfkirche unweit der Stadt Halle steht. Zuerst fällt das klassizistische Gehäuse auf, welches man immer wieder bei Friedrich Wilhelm bzw. der Firma Wäldner findet. Als Beispiele zum Vergleich seien Orgelwerke in folgenden Orten erwähnt: Angersdorf (1841), Morl (1850-1851), Burgkemnitz (1851), Löbnitz a. d. Linde (1854; von August Ferdinand), Lünow (1854; von August Ferdinand). Diese Werke haben sehr starke Ähnlichkeit (neoklassizistisch, Aufteilung der Pfeifenfelder), zumal selbst die Akantusschnitzereien annähernd identisch sind. Weitere Werke, die vom Gehäuse verwandte Merkmale aufweisen findet man in Wölpern (1829), Schlaitz (1833), Gräfenhainichen (1844), Kleinosterhausen (1847), Reideburg (1847), und Brehna (1853).

Eine Besonderheit der Spielschränke stellen die Notenpulteinsätze, die handschriftlichen Porzellanschilder, die Symmetrie und die Anlage des Manuals der Firma Wäldner dar. Der Spielschrank mit allen Details der Beyersdorfer Orgel ist vollkommen identisch mit diesen Merkmalen. Die Firma Wäldner war nie besonders experimentierfreudig bezüglich der Dispositionen ihrer Instrumente. Die hier vorgefundene Disposition zeigt den typischen Registerkern einer Wäldner-Orgel. In kleinen Werken der Firma steht das Werk meist auf Prinzipal 4’-Basis. In den Grundstimmen findet man bei Friedrich Wilhelm in einmanualigen Orgeln fast immer die Kombination von Gedackt 8’, Flauto traverso 8’ (oder auch Hohlflöte 8’) und Viola di Gamba 8’. Dem Prinzipal 4’ wird ein weiteres 4’-Register beigestellt: Flauto amabile 4’. Hierfür ein Dispositionsbeispiel der Orgel in Angersdorf (ehemals Schlettau bei Halle):

 

1841 erbaut von Friedrich Wilhelm Wäldner

 

Manual C-c³

Bourdon 16’ 
Gedackt 8’ 
Viola di Gamba 8’
Flauto traverso 8’
Principal 4’ 
Flauto amabile 4’
Octave 2’
Mixtur 3fach

  Pedal C-c¹

Subbaß 16’
Violon-Cello 8’



Pedal-Coppel
Calkanten-Klingel

 

                           

Der Tonumfang der Angersdorfer Orgel kann hier aber nicht exemplarisch für Orgeln Friedrich Wilhelms stehen, da andere Instrumente bei den frühen Werken im Manual bis d³ bei späten bis f³ reichen. Nachweislich hatten Wäldner-Orgeln bis 1835 einen Tonumfang bis d³. Daher muss man davon ausgehen, dass das Instrument in Beyersdorf nach 1835 entstanden ist. Ausgehend von der Disposition im Vergleich zu anderen Instrumenten würde der Verfasser die Errichtung der Beyersdorfer Orgel in den vierziger Jahren ansiedeln. Ein ganz genaues Erbauungsjahr kann nicht festgemacht werden.

Für eine Provenienz aus der Wäldner-Werkstatt sprechen auch Windladen und Traktur sowie die Trakturführung. Diese sind in Konstruktion und Anlage mit anderen Instrumenten identisch.

Das Instrument unterlag diversen Veränderungen und Eingriffen. Die Prospektpfeifen des Prinzipal 4’ sind nicht mehr original. Man muss davon ausgehen, dass auch diese Orgel der Konfiskation der Prospektfeifen im 1. Weltkrieg zum Opfer fiel. Die jetzigen Pfeifen bestehen aus Zink mit einem Überzug der abblättert. Auch zeigten sich Eingriffe im Inneren des Instruments. So setzt die linke untere Manubrie einen Mechanismus in Gang, der für den Verfasser nicht nachvollziehbar war, zumal auch das Register nicht mehr beschriftet ist. In der Kürze der Zeit der Untersuchung konnte auch der zweiten nicht beschilderten Manubrie kein eindeutiges Register zugewiesen werden. Was von dem erhaltenen Pfeifenwerk überhaupt original ist, muss von einem Orgelbauer untersucht werden. Der Verfasser geht davon aus, dass hier Material fehlt bzw. auch ausgetauscht wurde.

Wäldner-Orgeln besitzen, wenn ein Pedal vorhanden ist, immer eine Pedalkoppel und auch eine Kalkantenklingel. Allerdings sollte ein nicht zuordenbares Register den Subbass 16’ an- und abstellen können. Offen bleibt also die Frage, wie die Belegung der Manubrien ursprünglich aussah.

Im Umkehrschluss spricht nichts gegen eine Autorschaft Friedrich Wilhelm Wäldners, da das Werk bislang auch noch keinem anderen Orgelbauer zugeschrieben wurde, zumindest ist dem Verfasser darüber nichts bekannt. Bis auf die Eingriffe, die eindeutig späteren Datums sind, weisen alle Merkmale auf eine Provenienz aus der Wäldnerschen Werkstatt hin. 

[1] Homepage http://www.beyersdorf-anhalt.de/html/dorfkirche.html (=aufgerufen am 18.5.2009)

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