Sandersleben (1872)

Die Sanderslebener Kirche St. Marien entging in der Zeit um die politische Wende nur knapp dem Abriss. Heute wird mit einigem Aufwand versucht, das Gebäude wieder instand zu setzen. Unter der Vernachlässigung litt auch die Orgel August Ferdinands aus dem Jahr 1873 (Abb. 18, S. 9). Die Besonderheit des Instrumentes liegt in der Größe und der Tatsache, dass sich in der Alslebener Kirche St. Gertrud das Gegenstück zu dieser Orgel befindet (Abb. 19, S. 10; heute neobarock umdisponiert). Dies betrifft die äußere Form wie die ursprüngliche Disposition. Hinzu kommen konstruktive Eigenschaften, die August Ferdinand hier das erste Mal anwandte. So z.B. die strahlenförmige Traktur ohne Wellenrahmen im Oberwerk und die Windkammerspundverschlüsse mit Metallwinkeln anstatt Stemmhölzern.

Der Visitationsbericht vom 20. November 1873 des Capellmeisters Thiele aus Dessau erklärt:

„Das Werk ist vom besten Material an Holz und Metall mit Gewissenhaftigkeit und überall anschlagsmäßig ausgeführt, macht beim vollen Spiele eine der Größe der Kirche und der Stärke der Gemeinde entsprechende schöne und erhebende Wirkung; außer den Principalstimmen sind noch die Flöten und Gedackte ihrer charakteristischen Klangfarbe wegen besonders hervorzuheben, die Pedalstimmen stehen in einem richtigen Verhältnis zu den Manualen. Das Innere der Orgel ist bei gebotenen, ziemlich engen Raume, dennoch zweckmäßig eingerichtet. Die Bälge liegen trocken und liefern ausreichend und gleichmäßigen Wind, ohne zu schwanken oder zu stoßen; das Metall- und Holzpfeifenwerk, die Windladen, Kanäle und alle sonstigen inneren Theile sind dauerhaft gearbeitet. Alles in Allem ist das Werk wohl als gelungen zu betrachten.“[1]

Das Instrument kostete 2020 Taler. Des Weiteren wurde 1947 mit Wilhelm Sohnle in Halberstadt ein Pflegevertrag abgeschlossen.[2] 1954 erweiterte ein unbekannter Orgelbauer das Werk um ein Register (Flauto dolce 8’) und baute dazu eine neue Registerkanzellenlade mit pneumatischer Traktur ein.[3] Aus demselben Jahr existiert ein Kostenvoranschlag über eine Instandsetzung von Wilhelm Sohnle.[4] Danach reißen die historischen Informationen über die Orgel ab.

Das Gehäuse ist in neogotischem Stil gehalten und mit weißer Farbe überzogen. Die Originalfarbe war nicht ersichtlich. Besonders charakteristisch für die Orgeln August Ferdinands sind die nach hinten schräg abfallenden Seitenteile, die er wahrscheinlich in Alsleben (1866/67) das erste Mal realisierte und auch hier wieder Anwendung fand. Nach 1873 (Sandersleben) trifft man auf diese Gehäuseseitenteile fast immer. Heute befindet sich das zweimanualige Werk mit 25 (ursprünglich 24) Registern in einem katastrophalen Zustand. Ein Teil der Pfeifen ist ausgelagert, der Rest in der Orgel völlig verdreckt und der Prospekt mit Brettern vernagelt. Dementsprechend ist sie unspielbar, was keinen klanglichen Eindruck zuließ. Bis auf die Erweiterung der Disposition sind keine Veränderungen bekannt. Somit besteht hier die Möglichkeit, weitestgehend originales Material vorzufinden. Eine Prüfung sollte daher unbedingt durchgeführt werden. Über Stimmung und Winddruck konnte nichts ermittelt werden. Nach der Dom-Orgel ist sie eine der größten erhaltenen Werke, was unbedingt für eine Restauration spricht. Für die Orgelbau-Entwicklung August Ferdinands handelt es sich bei dieser Orgel um ein wichtiges Zeugnis, da sich darin wesentliche Neuerungen in der Konstruktion finden lassen.

 

Disposition (2005)

 

Hauptwerk C-f³

 

 

Oberwerk C-f³

 

 

Pedal C-d¹

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bordun

16’

 

Geigenprincipal

8’

 

Subbaß

16’

Principal

8’

 

Lieblich Gedackt

8’

 

Violon

16’

Hohlflöte

8’

 

Flauto traverso

8’

 

Principal

8’

Gedackt

8’

 

Flauto dolce

8’

 

Violoncello

8’

Viola di Gamba

8’

 

Salicional

8’

 

Posaune

16’

Octave

4’

 

Principal

4’

 

 

Gedackt

4’

 

Flauto amabile

4’

 

 

 

Quinte

2 2/3’

 

Waldflöte

2’

 

 

 

Octave

2’

 

Mixtur

3f.

 

 

 

Mixtur

4f.

 

 

 

 

 

 

Trompete

8’

 

 

 

 

 

 

                 

  

[1] Orgeln in Sachsen-Anhalt, Datenbank, Eintrag Sandersleben, St. Marien. (=Visitationsbericht vom 20. November 1873)

[2] Vgl. ebd. (=Archiv Reinhard Hüfken, Halberstadt)

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. ebd.

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